Nach der Exzellenz nun die Elite – Olbertz darf nach Berlin

Und noch ein Grund mehr zum Schämen für Erziehungswissenschaftler. Nachdem der FU-Exzellenz-Fetischist Dieter Lenzen während der letzten konformistischen Rebellion deutscher Studierender nach Hamburg wechselte (siehe letzter Artikel, P.S. (2)) kommt nun der nächste autoritäre Charakter dieses Faches nach Berlin.

Der in Sachsen-Anhalt mittlerweile bei LehrerInnen, ErzieherInnen, ProfessorInnen, Studierenden, dem akademischen Mittelbau und noch vielen anderen vollkommen verhasste (Ex-)Kultusminister des Landes übernimmt die Spitze der Berliner Humboldt-Universität. Seine Vorstellungen von Elite, die denen eines in letzter Zeit hoch- und runtergenudelten Humboldt sehr nahe kommen dürften, lassen sich jedoch im Gegensatz zu diesen nicht so einfach vor dem historischen Kontext erklären und weisen auch kein überschießendes, progressives Moment auf.

Olbertz, der auf Lehramt studierte, um dananch eine ellenlange akademische und schließlich politische Karriere dranzuhängen, habilitierte zu „Akademischem Ethos und Hochschulpädagogik – eine Studie zu interdisziplinären theoretischen Grundlagen der moralischen Erziehung an der Hochschule“. Schon in der DDR, die die Auswahl von Eliten im Bildungsbereich bekanntlich ernstnahm, legte er offensichtlich die Grundlagen eines Konzeptes, das er im Juli vergangenen Jahres in Halle einer interessierten Öffentlichkeit präsentierte. Gemeinsam mit dem inkompetenten Rektor der Uni Halle, Wulf Diepenbrock, durfte er auf dem Podium des Zentrums für Schul- und Bildungsforschung eine Antwort auf die Frage „Brauchen wir Elitebildung?“ geben. Von gegenseitigem Schulterklopfen unterbrochen, legten beide Gäste dar, weshalb Elitenbildung unbedingt zu befürworten sei. Diepenbrock driftete jedoch ab und argumentierte unter Berufung auf das Hardy-Weinbergsche-Modell zum Erschrecken leider nur weniger Gäste, die Politik der Selektion der Nationalsozialisten sei abzulehnen, weil sie im übrigen gar nicht funktioniere (!!!), weshalb der Begriff nicht im Bildungsbereich anzuwenden sei (?). Olbertz lief jedoch zu Hochtouren auf und zeigte, weshalb er in der Theorie für politische Ämter in einer Demokratie gänzlich ungeeignet ist (- wie wir sehen aber nicht in der Praxis).

Jedes Land, so Olbertz, „braucht eine kleine Elite, die moralisch auf einem höheren Niveau ausgebildet sind, um das Volk zu führen“. Diese Elite müsse an den Universitäten eine sehr gute Ausbildung erhalten, um in den Bereichen Politik, Verwaltung und Wirtschaft Führungspositionen zu übernehmen. Mit kruden Beispielen aus Internaten und Co. leitete er her, dass jeder seinen Platz in der Gesellschaft habe, wobei für die Führung eben nur wenige bestimmt seien. Darauf müsse man die Reformierung der Universitäten in der gegenwärtigen Krise des Bildungssystems und vermasster Universitäten ausrichten.

Auf die Frage, ob nicht die Vorstellung einer kleinen, zum Führen bestimmten Elite, die eine bessere Ausbildung erhalten solle, als die gemeine Bevölkerung, vollkommen im Widerspruch zum Konzept der Demokratie stünden, reagierte er mit Unverständnis.

In Zeiten der Leadership-Seminare und -Sommerkurse scheint die Studierendenschaft der Humboldt-Universität, die während des konformistischen und ohne jegliche ernsthafte Kapitalismuskritik auskommenden Bildungsstreiks nicht mehr und nicht weniger einforderte, als die Gewährleistung ihrer Teilhabe am elitären Zirkel zukünftiger Eliten, nun einen Präsidenten bekommen zu haben, den sie verdienen.

Viel Spaß damit.

Die gute Studigemeinschaft fordert: Vater Staat, rette die reine Bildung gegen das böse Abstrakte!

Die gute Studigemeinschaft fordert: Vater Staat, rette die reine Bildung gegen das böse Abstrakte!

Die Studierendenproteste richten sich gegen die „Ökonomisierung“ unschuldiger Wissenshorte und blasen zum Verteidigungskampf für „ihre alma mater“. Dass ihr Reden und Tun die herrschenden Verhältnisse bestenfalls affirmiert und reproduziert, erkennen die AktionistInnen nicht. Einige Hinweise des Freundeskreises „Kritik verkürzter Kritik“

Neu: P.S. (1) – (9) und kommentierte Kommentare

1963 erinnerte sich Karl Jaspers an den Beginn seiner Studienzeit mit 18 Jahren: „Nichts schien mir großartiger als Universität. Alle Wahrheit lässt sich dort finden. Ich hatte das Glück, hervorragende Professoren zu sehen und zu hören, und gleichzeitig das Glück, noch völlig unreflektiert, ganz gewiss zu meinen, die Universität, das ist eine große, abendländische, übernationale Sache – wie die Kirchen. Da gehöre ich einer Gemeinschaft an, die mich nicht bindet an Staat und dergleichen, sondern da gehöre ich einer Gemeinschaft an, die nichts will als bedingungslos und uneingeschränkt Wahrheit.“

46 Jahre später scheint dieses „völlig unreflektiert[e]“ Verständnis von Universität und Hochschulbildung in nur leicht modifizierter Form auch bei tausenden „BildungsaktivistInnen“ vorzuherrschen, die nicht ohne Pathos auch dieser Tage zu Besetzungen, Demonstrationen und Sprechchor-Workshops laden: „Die alma mater brennt und braucht ihre Kinder!“ heisst es z. B. im besten Verbindungsjargon auf einschlägigen Blogs. Was wird von den AktivistInnen kritisiert? Der bundesweite Aufruf zum Bildungsstreik gibt Aufschluss:

„Weltweit sind Umstrukturierungen aller Lebensbereiche nicht mehr gemeinwohlorientiert, sondern den sogenannten Gesetzen des Marktes unterworfen. Seit ein paar Jahren ist auch das Bildungssystem in den Fokus solcher ‚Reformen‘ geraten […]. Der anhaltende Protest gegen Studiengebühren und Sozialabbau in den letzten Jahren hat bei den Verantwortlichen in Medien, Wirtschaft und Politik zu wenig Wirkung gezeigt. […] Dem Einfluss der maßgeblichen politischen und ökonomischen Interessen im Bildungsbereich setzen wir unsere Alternativen entgegen: öffentliche Finanzierung des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft“.

Gerade eine Betrachtung der frühen Geschichte der Universitäten macht jedoch deutlich, dass diese natürlich immer schon ein Teil der Gesellschaft, immer unmittelbar herrschenden wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen unterworfen waren. Die – widersprüchliche und ungenaue – Dichotomisierung in Wirtschaft und Staat verkennt alle Basisbanalitäten von Ökonomie und Staatstheorie: die Aufgabe auch jedes staatlich organisierten Bildungswesens ist die Produktion von Fachkräften für den Arbeitsmarkt; die Aufgabe jedes Staates die Aufrechterhaltung und Stabilisierung des mal mehr und mal weniger regulierten Marktes. Eine im Angesicht wirtschaftlicher Krise unvermeidliche Reformierung auch des Bildungswesens muss vor dem Hintergrund der Zwänge herrschender Verwertungszusammenhänge analysiert und kritisiert werden, und nicht als Folge der Mißgunst oder böswilliger Pläne einzelner Firmen oder ManagerInnen, bzw. des falschen Handelns von PolitikerInnen, die angeblich eigentlich durchaus für ideale „selbstbestimmte“ und „emanzipatorische“ Bildungsräume sorgen könnten.

Doch völlig uneinsichtig angesichts solcher Überlegungen proklamieren die ProtestlerInnen „wir sind kein Humankapital“, um gleichzeitig – wahrscheinlich einfach unbewusst bzw. unreflektiert – bei Gesprächen mit Rektoren und PolitikerInnen ausgerechnet an Elemente der Verhältnisse zu appellieren, die für die kritisierten Zustände ursächlich sind. Doch ohnehin können die Studierenden es nicht lassen, den Standortfaktor ins Gespräch zu bringen, und aus dutzenden Aufrufen spricht die Empörung, an der „Massenuni“ um die eigene Sonderstellung als zukünftige intellektuelle Elite des Landes betrogen zu werden. Auch die „Streik“-Semantik verweist darauf, dass die angeblich von den AktivistInnen kritisierte Vorstellung von „Ausbildung“ von diesen längst internalisiert worden ist, werden doch eigene Lern- und Aneignungsprozesse „lahmgelegt“, diese also eindeutig nur als Humankapital zukünftiger Marktteilnehmer wahrgenommen. Widersprüchlich geht es weiter: Kündigen sie an, sie wollten „unsere Hörsäle nicht kampflos der Ökonomisierung an deutschen Hochschulen überlassen“, und kritisieren den Einfluss privatwirtschaftlicher Unternehmen auf das Bildungssystem, so bemängeln sie selbstkritisch, ihre Proteste hätten bei „Verantwortlichen in Medien, Wirtschaft und Politik zu wenig Wirkung gezeigt“. Ein vor Vollendung veröffentlichter Forderungskatalog deutscher BesetzerInnen spricht ohnehin Bände:

„Der Bachelor [soll] der berufsqualifizierende Abschluss sein. Doch nicht einmal dafür können ausreichend Fähigkeiten entwickelt werden. Dabei stellt sich doch die Frage, wie beispielsweise Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen so „für die Wirtschaft nützlich sein sollen.“> Rauslassen? Verwertungslogik argumentation ;-) [genau so im Original]

Einen Schritt weiter gehen da die österreichischen Studierenden, die im besetzten Wiener Audimax den antisemitischen Absurditäten eines Jean Ziegler johlenden Applaus spendeten, als der von der autonomen und freien Universität schwadronierte oder besser phantasierte, die 1789 und 1848 [!] entstanden sei, und die heute von der „Weltdiktatur“, der „Welttyrannei des globalisierten Finanzkapitals“ [!] zerstört werde, gegen welche wiederum organischer [!] Widerstand notwendig sei; konsequent verkürzt und damit strukturell antisemitisch auch die Organisierung von Silvio Gesell-Lesekreisen in besetzten Hörsälen bspw. in Halle – Gesell verbrachte seinen Lebensabend mit „Kameraden“ in einem völkisch-nationalsozialistischen Lebensreformprojekt.

Wenn die ProtestlerInnen von der „Entmündigung“ reden, die angeblich nun „mit der Immatrikulation einhergeht“, so idealisieren sie nicht nur die bisherigen Zustände im Bildungssystem, sie negieren vor allem die Komplexität, die Dialektik des Bildungs- und Wissensbegriffs. Die Universität war noch nie Hort freien und autonomen Strebens nach Wissen, die idealistischen Ideen Humboldts, die nun verschiedene AkteurInnen zu verteidigen glauben, waren die Ideen eines preußischen Untertanen, dessen Vorstellungen von Universitäten als staatlich protegierten Orten der „Einsicht in die reine Wissenschaft“ aufgrund der ihnen immanenten Negierung ökonomischer Verhältnisse bzw. Zwänge nie Realität werden konnten. Insofern ist es auch naiv, wenn das Publikum nach Vorträgen über die Tradition der Universitätsidee völlig ahistorisch in Erinnerungen an ein Ideal schwelgt, ohne die Universitätstradition vor dem Hintergrund ökonomischer und politischer Verhältnisse zu kontextualisieren. „Zu diesem Selbstaktus im reinen Verstande“ ist für Humboldt „Freiheit und hülfreich Einsamkeit“ notwendig, Kernpunkte seiner idealen Universitätsidee waren die Lehrfreiheit, die Einheit von Forschung und Lehre und die Komplementarität der Disziplinen. Gerade hier müsste heute jegliche Kritik der Entwicklungen im Bildungssystem durchaus ansetzen; zu den problematischsten zählt momentan das Ende der im Konzept verknüpfter Forschung und Lehre zumindest erzwungenen kritischen Selbstreflexion. Dass Henry Tesch (CDU), der Präsident der Kultusministerkonferenz, die Forderungen der Protestierenden als richtig und verständlich bezeichnete und in Konsequenz von ProfessorInnen an den Universitäten forderte, sie sollten sich „davon verabschieden, ihre speziellen Lehr- und Forschungsinteressen in den Vorlesungen unterzubringen“ [!] und flexibler werden, blieb von Seiten der Studierenden bezeichnenderweise unerwidert.

Nicht einmal konsequente Kritik innerhalb eines Denkgebäudes, das die herrschenden Verhältnisse affirmiert, ist zu vernehmen, also eine egoistische Verteidigung des humboldtschen Ideals gekoppelt an einen Kampf um mehr Pfründe für die Universitäten. Allenfalls kann man hier und da die Organisation von Runden Tischen und Sprechchor-Workshops beobachten, wo die JungpolitikerInnenkarriere forciert oder an der eigenen Rhetorik gefeilt werden kann. Das kritische Potential, was hier entwickelt wird, ist identisch mit jenem, das von „flexiblen“ ArbeitnehmerInnen heute in jedem Unternehmen gefordert wird – ernsthafte Überlegungen von ProtestlerInnen, ihr Pfadfinderkollektiverlebnis als ASQ-Modul Hochschulpolitik für den Bachelor anrechnen zu lassen, sprechen für sich. Die Infantilität und der Konformismus des Protests sind vielerorts mehr als ekelerregend. Der gesellschafts- oder kapitalistismuskritische Anspruch wird jedoch – sein Fehlen in allen Aktionen der AktivistInnen beflissen ignorierend – immer wieder von diesen betont und damit selbst ein die Zustände grundsätzlich affirmierender realpolitischer Anspruch der Lächerlichkeit preisgegeben.

Dem eigenen Unvermögen, konsistente und konsequente Kritik zu üben, wird u. a. so Ausdruck gegeben:

„Wissenschaftliche Bildung, egal in welchen Fachbereich, kann nicht nach dem fremdbestimmten schulischen System funktionieren und ebenso wenig nach betriebswirtschaftlichen Methoden. Eigenständiges kritisches Denken und Hinterfragen lässt sich nicht quantitativ bestimmen und auch nicht in €uro ausdrücken. Bildung ist kein Produkt und wir sind keine Konsumenten. Genauso wenig wie unsere DozentInnen und ProfessorInnen VerkäuferInnen von Wissensständen sind. Bildung lässt sich nicht stumpfsinnig auswendig lernen, bei Bedarf abrufen und einsetzen. Bildung ist mehr, ein öffentliches, ein humanitäres Gut [!], welches jeden Menschen frei zu Verfügung stehen muss.“ [Fehler unkorrigiert]

Wer aus dieser Zusammenschau von Phrasen und Schlagwörtern schlau wird, hat etwas falsch gemacht. Studierende werden hier als per se reflexive und mündige Menschen dargestellt, genauso wie ProfessorInnen an anderer Stelle als Vermittler von „Herrschaftsideologie“, als vermeintliche Sprachrohre kapitalistischer Unternehmen oder einfach „des internationalen Kapitals“ bezeichnet werden. Der dialektische Charakter von Bildung, die Tatsache, dass auch in einer falschen Vorlesung das für die richtige Kritik der herrschenden Verhältnisse notwendige Sachwissen erworben werden kann, die Feststellungen, dass der mündige Mensch nicht als solcher und außerhalb des (Bildungs)-Systems existiert, und dass die Befähigung, sich des eigenen Verstandes ohne Anleitung zu bedienen, eben erlernt werden muss – sie werden ignoriert. Der Aussage, Bildung sei kein Produkt, wird jene entgegengestellt, Bildung sei ein Gut – ein Schelm wer hier Widersprüchlichkeit und Unverständnis erkennt. Um auf den Stichwortgeber für das undialektische Gerede von „der Wissenschaft“, die zu retten und zu verteidigen sei oder die wahlweise zerstört, ökonomisiert oder dem Markt unterworfen werde, zurückzukommen: Schon Humboldt betonte, es gelte, „das Prinzip zu erhalten, die Wissenschaft als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten, und unablässig sie als solche zu suchen“. Diese Banalität gilt es, den Protestierenden klarzumachen.

Doch vor allem muss – gegen den Bildungsprotest und für eine Kritik der Zustände im Bildungssystem – das Nachdenken über die gesellschaftlichen Verhältnisse eingefordert werden, die für diese Zustände ursächlich sind, und eine Kritik gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse bzw. der herrschenden Verwertungslogik geübt werden. Den BesetzerInnen und AktionistInnen muss Johannes Agnoli entgegengehalten werden, der kritisierte, viele seien dazu übergegangen, „Missstände zu kritisieren und Missbräuche zu denunzieren, während es meines Erachtens gerade darauf ankommt, Zustände zu kritisieren und den normalen Gebrauch der Politik zu denunzieren“.

Freundeskreis „Kritik verkürzter Kritik“
Berlin-Halle-Göttingen-Potsdam
Kontakt: freundeskreiskritik@gmx.de

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P.S. (1): Weil es mails gab, die sich ausgerechnet am Klassenfahrt-Pfadfinderromantik-Vorwurf aufhängten, weil wir auch da offensichtlich ins Schwarze getroffen haben, hier ein echter [!] Auszug aus dem Protokoll des Plenums der BesetzerInnen des Audimax der Uni Potsdam (Bildungsstreik Potsdam):
„TOP 2: Es wurde per Flaschedrehen bestimmt, dass Sebastian das erste Türchen im Adventskalender aufmachen durfte. Im Kalender war eine Geschichte, für die eine Gruppenkuschelrunde vorgeschlagen wurde. In der sollen dann auch die Kekse verknuspert werden. Außerdem soll ein Ordner für die Weihnachtsgeschichte angelegt werden.“

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P.S. (2):
1. Lesen:
„Bildung, wenn sie wirklich Bildung sein soll, ist immer Selbstbildung und nicht Fremdbildung. Das heißt, Lernen ist ein autonomer Vorgang, der im Bewusstsein jedes einzelnen Menschen individuelle Wege nimmt. Diese dürfen nicht durch Überregulierung und Bürokratismus behindert werden. Die Reform des Bologna-Prozesses ist deshalb dringend überfällig. Es müssen Freiräume geschaffen und Druck gemindert werden, unter anderem dadurch, dass Anwesenheit nicht unpädagogisch erzwungen und kleinlich kontrolliert wird, dass Lehrpläne nicht überfüllt sind, dass die sog. workload und Leistungspunkte realistisch berechnet werden und dass Lehrende und Lernende sich gemeinsam um den Weg zur wissenschaftlichen Wahrheit bemühen.
Das Studium an einer Universität darf nicht durch Geldforderungen erschwert werden. […] So ist die Beteiligung von wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen an der höheren Bildung nur halb so groß wie die Beteiligung derjenigen, die über ein höheres Einkommen verfügen. Das ist nicht hinnehmbar. […]
Forschung und Lehre stellen eine Einheit dar. Qualitätvolle Lehre beruht auf qualitätvoller Forschung. Hervorragende Forschung und Lehre darf man deshalb nicht gegeneinander ausspielen. Exzellenzstreben darf auf keinen Fall Vorrang vor dem Anspruch aller auf gute Lern- und Arbeitsbedingungen haben.“

2. Autor lesen und sich wundern
Der Autor dieser Zeilen, die wir jederzeit gern unterschreiben würden, und die es bei jeder realpolitischen Argumentation unter Berufung auf humanistische Ideale zu verbreiten gilt, da sie den meisten schlecht geschriebenen und inhaltlich schwachen Protestaufrufen weit überlegen sind, ist Dieter Lenzen. Dieter Lenzen? Ja, Dieter Lenzen. Sein autoritärer Führungsstil hat ihn an der Berliner FU ebenso unbeliebt bei Mitarbeitern und Studierenden gemacht, wie seine Exzellenzpolitik, die u. a. die Diskriminierung „Langzeitstudierender“, die Verunmöglichung eines umfangreichen studium generale und die Zerschlagung der Einheit von Forschung und Lehre zur Folge hatte.

3. Nachdenken

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P.S. (3):
In Halle suchten Juso-BS-AktivistInnen schon den Überzeugungsdialog mit rechtsradikalen DB-Burschenschaftlern, nach Diskussionen, die „nicht ohne“ waren, kommt nun in Bayreuth nicht mal mehr eine Distanzierung gegenüber DB-Burschenschaftlern raus:
„Da die Stellungnahme der Thessalia zu Prag in Bayreuth keine antidemokratischen Äußerungen enthält, verbleibt sie zur Dokumentation der Diskussion auf unserer Homepage.“

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P.S. (4):
Ein gutes Beispiel – Forderungskatalog von „Unsere HU“
Die ersten drei Blöcke beinhalten sehr korrekte realpolitische Forderungen zur Verbesserung der Studiensituation, es werden mehr Mittel und mehr Personal oder z. B. billigere Kopien gefordert. Jede/r würde sie sicherlich sofort unterschreiben, doch sind sie Einforderungen von Verbesserungen innerhalb der bestehenden Verhältnisse, die systemaffirmativ argumentieren.
Doch dann das:
„Eine autonome Universität braucht selbstständige Individuen. Sie muss mehr sein als ein Ort der Wissensvermittlung und -verwertung. Die Universität soll in unseren Augen vielmehr den Raum für die freie Entfaltung [!] des autonomen Menschen [!] bieten und eine Atmosphäre schaffen, in der ungestörte und umfassende Bildung möglich ist. Wir glauben, dass dies eine Umgebung sein muss, in der die oder der Einzelne sich frei nach eigenen Interessen und Lebensentwürfen entfalten kann. Daher fordern wir, keiner Art von Diskriminierung in der Universität Raum zu bieten sowie sie vor wirtschaftlichen Profitinteressen und politischer Vereinnahmung zu schützen [!].“
Die Universität als autarke Korporation autonomer und mündiger Menschen (wo auch immer die herkommen sollen) – ohne Worte. Es wird gefordert – von den Verantwortlichen in einer von einem marktwirtschaftlich orientierten Staat finanzierten Universität – diese vor wirtschaftlichen Profitinteressen und politischer Vereinnahmung zu schützen. Ohne Worte! Fällt es Euch nicht auf? Es ist völlig absurd, im Anschluss an solche großen Worte auch noch eine „Aufstockung des Finanzvolumens für den Bildungsbereich auf mindestens zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts“ zu fordern, und dann auch noch zu konstatieren: „Über die Drittmittelfinanzierung von Forschung und Lehre muss unter viertelparitätischer Einbeziehung von Studierenden abgestimmt und regelmäßig evaluiert werden.“

Vom Kapitalismus, der kritisiert werden muss, haben die Protestierenden so wenig verstanden, dass selbst hohle unkritische Kommentatoren im Vergleich eine glänzende Analyse der Verhältnisse liefern…
„Denn nur so kann man den Anspruch aus der Welt schaffen, dass Bildung etwas mit Lernen – und damit mit Fleiß und Leistung – zu tun hat. Mit Leistung, die messbar sein muss – warum sollte die Gesellschaft sonst in Bildung investieren? Denn auch die Tatsache, dass Bildung etwas kostet und dass irgendjemand zur Deckung dieser Kosten bereit sein muss, dürfte unwiderlegbar sein, egal wie viele Begriffe aus dem Wörterbuch des Wohlstands-Antikapitalismus man dafür bemüht.
So wie der Strom nur scheinbar aus der Steckdose kommt, so kommt das Geld nicht einfach so vom Staat. Die Vermögenden und die Banken, die der Studentenprotest lustvoll gegen die Bildung ausspielt, sind es zum Beispiel, die dem Staat das Geld leihen, mit dem er Bildung für alle finanziert. Und das funktioniert, alles in allem, ziemlich gut. Die Diskrepanz zwischen Ideologie und Empirie bei den Studentenprotesten ist insofern frappierend – aber Zahlen und Fakten gelten einem emanzipatorischen Bildungssystem vermutlich als Ausdruck verabscheuungswürdiger Ökonomisierung.“

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P.S. (5):
An verschiedenen Unis gibt es – sehr bedenkenswerte und hoffentlich „reflexionsanregende“ – Kritik an den jeweiligen lokalen Protestkulturen, die unserer Meinung nach durchaus verallgemeinert werden können, da das Beschriebene allen unseren FreundInnen aus Halle, Leipzig, Potsdam, Berlin, Göttingen, Wien etc. bekannt vorkommt:
An die Studentinnen und Studenten der Universität Göttingen
Wir wollen über die Zustände im Bildungsstreik reden, Halle

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P.S. (6):
Einige AktivistInnen des Bildungsstreiks in Köln machen es uns wirklich leicht: Mit dem vorauseilenden Disclaimer „Dies ist als Parodie gedacht. Wir hoffen auf ein Lächeln und Verständnis für Humor!!!“ posten sie auf youtube ein Video, in dem AktivistInnen vor dem „entführten Weihnachtsbaum“ der Uni Köln im Stile einer militanten/terroristischen Gruppe posieren und Forderungen stellen. Nur eines haben sie nicht bemerkt – die Satire trifft nur sie selbst, und das schmerzhaft. Sie verlesen nämlich völlig ernsthaft einen bunten Strauß realer linker Forderungen, realer Forderungen der Bildungsproteste – freie Bildung für alle, keine Hausaufgaben (!!!), kostenloser Transport für alle, Zerschlagung der Saatgut-Mafia etc. Traurig, dass sie nicht merken, dass es für Erpressungen einen Ansprechpartner geben muss, und sie, wenn sie nicht an Gott glauben, die kapitalistischen Verhältnisse, innerhalb derer es nie dicke Mindestlöhne und freien Transport für alle geben wird, in ihrer Abstraktheit durchschauen und bekämpfen müssten. Doch dann kann man nichts entführen und keine Forderungen stellen. Wer „Life of Brian“ kennt, kennt auch den lächerlichen, sektiererischen und verkürzte Aktionismus der Judäischen Volksfront. Zu traurig, dass die Analyseleistung und der satirische Bruch, den die Monty Pythons in Bezug auf linke Bewegungen noch quasi als Mittler vollzogen, hier nicht vorhanden ist. Wie entlarvend das lustig gemeinte Satire-Video samt ihrer realen Forderungen in Bezug auf ihre krude Weltsicht ist, wird den MacherInnen leider nicht bewusst sein.

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P.S. (7):
In Wien rüstet sich der Protest für Weihnachten mit oder ohne „kapitalistische[m] Coca Cola Weihnachtsmann“. Was für Protest eigentlich? Hier geht es jedenfalls um die Weihnachtsfeier:
„# Kabarett: wir haben 2 Ideen für ein Kabarett: a) Der kapitalistische Coca Cola Weihnachtsmann und das weltoffenen Christkind streiten, wer dieses Jahr die Geschenke bringen darf; b) Gott ist das negativ Klischee eines Uni Profs, Judas versucht eine Diskussion zu beginnen, wird aber mit den Worten „mein Wort ist heilig“ ausgebremst und in den Selbstmord getrieben, nachdem er Jesus aus Wut an einen wütenden Mob aus radikalen Feministinnen ausgeliefert hat
# Forderungen als Fürbitten vortragen mit dem Schlusssatz: „Gio [Spitznahme des Bildungsministers; A.G.] erhöhre uns, sonst gehen wir nicht weg.“
[…]
# Alternative Mette: wir wollen versuchen, einen solidarischen Geistlichen zu finden, der für uns am 24 Dezember ein Predigt/ Vortrag hält
# Das Fest: wir brauchen bitte Sachspenden für eine gelungene Deko; selbstverständlich wollen wir auch für Punsch,Glühwein,Kekse und allem was sonst zu Weihnachten dazugehört sorgen“

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P.S. (8):
Der Text des extra gegen uns angelegten blogsports morgenrot bietet beste Steilvorlagen für unsere Kritik. Zwar lädt er schon bei Betrachtung seines hypokritischen headers mit Hammer, Sichel, Marx, Engels und Lenin neben der Losung „Sozialrevolutionäre Gedanken“ eher zum Abfeiern als zur inhaltlichen Auseinandersetzung ein, der Text ist jedoch nicht weniger unterhaltsam.
Weil KritikerInnen von Antisemitismus heute offensichtlich automatisch als „Antideutsche“ gelten, werden wir als „antideutsche Elitentruppe“ bezeichnet, die, „egal in welchem bereich Menschen zusammen für die konkrete Verbesserung ihrer Lebensbedingungen kämpfen, […] den teuflischen deutschen Bauernmob, der sich schon im nächsten Moment an einem Progrom gegen Juden beteiligen könnte“, entdecken. Das ist natürlich völliger Blödsinn, da wir im schlechtesten Falle die Naivität und Ignoranz der meisten ProtestlerInnen diffamieren wollen, und nur angesichts des Beifalls für das senile Gerede von der allmächtigen und internationalen Diktatur des Finanzkapitals berechtigterweise auf den Zusammenhang von verkürzter Kapitalismuskritik und Antisemitismus hinweisen.
Wenn wir wirklich glauben würden, dass wir es mit einem Bauernmob zu tun hätten, der jeden Moment ein Pogrom starten kann, würden wir nicht Texte schreiben sondern zu handfesten Gegenmaßnahmen greifen, bzw. notfalls auf den bürgerlichen Rechtsstaat und die Polizei vertrauen.
Wer im übrigen die wahnsinnige Vorstellung hat, dass mit der „Verschmelzung des Industriekapitals mit dem Geldkapital zum Finanzkapital nicht nur das Kapital anfing sich in wenigen Händen [!!!!] zu konzentrieren, sondern eben auch die daraus resultierende politische Macht“, sollte sich davor hüten, uns in unserer Analyse kumpelhaft Recht zu geben, und uns nur den Mangel an Glauben in die „soziale Bewegung“ vorzuwerfen. Wer keine Ahnung hat sollte, und das ist eine universale Weisheit, einfach mal keinen blog veröffentlichen.

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P.S. (9):
Dienstag, 08.12., FU Berlin: 101% Konformismus.
Die Jung“sozialistInnen“ luden ein. 500 Studierende „diskutierten“ ausgerechnet mit den beiden wichtigsten Vertretern einer Partei, die, wo sie an der Macht ist, auf jeden Fall keine Politik der „Bildung für alle“ macht, sondern sämtliche zu Recht kritisierten Negativentwicklungen im Bildungssystem mitzuverantworten hat. Die versammelten Studierenden applaudierten beim Eintreffen der Polit-VIPs wahrscheinlich vor allem sich selbst, erfuhren ihre narzißtischen Charaktere doch eine unheimliche Aufwertung. Das Gefühl, ernst genommen zu werden und wichtig zu sein äußerte sich in der vorwurfsvollen Frage eines Studenten, das geheuchelte Interesse der beiden Politiker sei ja wohl hoffentlich keine „Eintagsfliege“.
Ein Vertreter des Bildungsstreiks verlas zwar „Forderungen“, doch dann war „von Aufruhr oder gar Randale keine Spur, was schon allerhand ist für eine Uni, die mal als Hort der Studentenrevolte galt. Nicht mal als Gabriel für Langzeitstudiengebühren plädiert, rührt sich ein Mucks.“ Selbst der SpiegelOnline-Autor ist da noch verdutzt.
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